Systemische Beratung und Motorrad fahren

Vor knapp sechs Jahren saß ich zum ersten Mal in meinem Leben auf dem Motorrad meines Freundes. Natürlich nur als Sozius (Beifahrerin), zu der Zeit hatte ich noch keinen Führerschein. Bereits der erste Augenblick entfachte in mir das Feuer, das ich als Kind bereits gespürt hatte und dieser Anteil wurde sofort wachgerufen.

Schon als Kleinkind hatte ich den Wunsch irgendwann in meinem Leben einmal Motorrad zu fahren. Dies hing wahrscheinlich damit zusammen, dass sowohl mein Opa als auch mein Onkel beide Motorrad fuhren. Je älter ich wurde, desto weiter rutschte dieser Wunsch in den Hintergrund. Obwohl meine Mama als Kind beständig bei meinem Opa mitgefahren ist, äußerten sie und meine Oma immer wieder ihre Ängste bezüglich des Motorradfahrens und welche Gefahren damit verbunden sind. Es scheint so, als könnte ich sagen „Entweder Personen lieben das Motorradfahren oder sie finden keinen Zugang“. Genauso ist es auch in der Beratung. Entweder Personen können etwas damit ‚anfangen‘ oder bleiben lange auf der Seite der Zweifelnden.

Mein Freund entwickelte seine Leidenschaft zu Motorrädern bereits als Kleinkind, denn sowohl sein Vater als auch sein Bruder fahren Motorrad. Da wir also beide durch unsere Familien geprägt wurden, stellte sich mir die Frage, ob die Liebe zum Motorradfahren, den nächsten Generationen weitergegeben wird und gegebenenfalls Generationen überspringt. Anhand von Genogrammarbeit, wie sie in der systemischen Beratung genutzt wird, ließe sich dies wahrscheinlich gut herausfinden und transgenerationale Muster, Vorlieben und Dynamiken werden sichtbar.

Die ersten Touren, die ich mit meinem Freund machte, führten uns gemeinsam in die Sonnenuntergänge am Steinhuder Meer. Nach einigen Monaten als Sozius beschloss ich einen eigenen Motorradführerschein zu machen. Dies war verbunden mit der Anschaffung der gesamten Schutzausrüstung (Lederkombi, Helm, Handschuhe, Rückenpanzer usw.). Nachdem ich ein Jahr später endlich meinen Führerschein in der Hand hielt, kaufte ich mir endlich mein erstes eigenes Motorrad. Alles zusammen, Ausrüstung, Führerschein und das Motorrad selbst, war eine ganz schön teure Angelegenheit, ähnlich wie, wenn jemand zu einer systemischen Beratung geht. Auch dies ist ein finanzieller Aufwand, je nachdem wie viele Sitzungen passend sind. Obwohl beides eine Menge Geld kostet, bin ich überzeugt, dass sich der Aufwand lohnt, wenn einen die richtige Einstellung und Motivation begleitet.

Für mich war es ein großes Highlight endlich mein eigenes Motorrad zu haben. Ich stelle mir und meinem Freund regelmäßig die Fragen, wann und wohin wir fahren werden, wer uns begleiten wird, wie das Wetter wird oder wem wir begegnen werden. Auch in der systemischen Beratung wird mit den sogenannten W-Fragen gearbeitet. Die Fragen dienen dazu, das Anliegen der zu  beratenen Person zu klären, Informationen zu erzeugen und innere Suchprozesse anzuregen.

Im Laufe meines Motorradfahrerin-Lebens merkte ich, das Motorradfahrer*innen ein eigenes System bilden. Immer wenn ich Motorrad fahre, kommt ein Gefühl der Gemeinschaft auf, wir Motorradfahrer*innen grüßen uns zu jeder Tageszeit. Es ist quasi eine Regel des Systems, andere Motorradfahrer*innen zu grüßen und alle die sich dem System zugehörig fühlen, wenden diese Regel an. In der systemischen Beratung wird als eine der Grundhaltungen die Kontextbeachtung aufgeführt.  Erst das Einbeziehen des Kontextes und die Kenntnis der Regeln, denen die Beteiligten folgen, geben dem Verhalten einen Sinn.

Mir gibt das Motorradfahren ein Gefühl von Freiheit, Gelassenheit und Entspannung.  Dies entsteht vor allem, wenn ich mit offenem Visier fahre. Wenn der Wind mir um die Nase weht, fühle ich mich befreit von allen Sorgen und vom Stress, den ich hatte. Wenn jemand der Beratung mit einem offenen Visier begegnet, weht ihm oder ihr womöglich auch bald ein frischer Wind um die Nasenspitze, ein Wind der Veränderung. Eine konsequente Ausichrichtung auf die Ressourcen und Coping-Strategien macht es für die zu beratende Person angenehm und sicher.

Mit jeder Tour die ich, mein Freund und weitere Motorradfahrer*innen unternehmen, gelangen wir zu unterschiedlichen Orten, Landschaften und treffen neue Wegbegleiter*innen. Nie ist der Weg der Gleiche, egal wie oft wir dieselbe Strecke gefahren sind, es war immer ein neues Erlebnis. Ähnlich ist es bei der Beratung. Jede Beratung verläuft anders. Jede/r verfolgt ein anderes Ziel und bringt unterschiedliche Ressourcen mit. Sowohl beim Motorradfahren als auch in der Beratung ist der Weg das Ziel.

Have fun!

Ein Text von Johanna Riemenschneider

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