Systemisches Denken und Architektur

„Entwerfen ist ein Abenteuer. Der Architekt begibt sich auf eine Reise; an jeder Weggabelung sind Entscheidungen zu treffen, die mitunter weitreichende Konsequenzen haben. Bei unserer eigenen Arbeit versuchen wir nicht von vorgefassten Meinungen auszugehen, sondern jedes Mal neu anzusetzen und nach einer Lösung zu suchen, die eine präzise Antwort auf die spezifischen Anforderungen liefert. Wir arbeiten beim Entwurf mit Varianten, denn nur über den Vergleich verschiedenster Lösungsansätze und ihrer jeweiligen Vor- und Nachteile kommen wir zu Kriterien, die eine nachvollziehbare Entscheidungsfindung ermöglichen. Was sich am Ende im Erläuterungsbericht schlüssig und geradlinig entwickelt liest, ist das Ergebnis einer keineswegs so geradlinig verlaufenden entwurflichen Reise.“ (Prof. Jasper Jochimsen/Architekt) Hätte dies nicht auch eine systemische Beraterin sagen können? Beratung ist ein Abenteuer. Die Beraterin begibt sich auf eine Reise. Ständig muss sie bereit sein, den eingeschlagenen Weg zu verlassen und den gedanklichen Vorentwurf wieder zu löschen.

Entwerfen ist ein Prozess, der das Noch-nicht-Fertige und die Weiterentwicklung miteinschließt. Die langsame Annäherung in Skizzen und Arbeitsmodellen, ausgehend vom Vagen und Ungenauen, lässt Raum für die Intuition, die eng mit der subjektiven Wahrnehmung vom Raum verbunden ist. Skizzieren ermöglicht und erfordert das Herunterbrechen komplexer Aufgaben in Teilaspekte und Prinzipien. Dieses Spielen mit den Skizzen, das Übereinander-Legen von neuem transparentem Zeichenpapier über die alten Skizzen. Das Ziel etwas Schönes zu kreieren immer im Sinn: Wenn alles zu einer passenden Figur zusammengefügt wird.

Der Anfang eines Entwurfs und einer systemischen Beratung steht für die Beschäftigung mit dem Kontext, die Analyse von Gegebenheiten und Funktionszusammenhängen. Die Hinterfragung von Gegebenem in Bezug auf Ort, Raum, Material und Typologien und deren Re-Interpretation bedeutet ein Weiter-schreiben der jeweiligen Geschichte und ist ein wesentlicher Ansatzpunkt unserer Entwürfe. Auch hier sind die Parallelen wieder sichtbar. In der systemischen Betrachtungsweise beschäftige ich mich mit dem Kontext, bilde Hypothesen zu den Gegebenheiten und den Beziehungszusammenhängen. Hypothesen sind dabei keine diagnostischen Festlegungen, die im wissenschaftlichen Sinne verifiziert oder falsifiziert werden können. Vielmehr stellen sie vorläufige Leitlinien dar, welche die Richtung und Inhalte beraterischer Fragen bestimmen. Sie sind eine organisierende Kraft, welche verhindern soll, dass sich BeraterInnen zu schnell in die Weltsicht/Erklärungen/Annahmen ihrer KlientInnen verfangen und auf diese Weise hilflos werden.

Architekten und Architektinnen geht es um grundlegende Fragen wie „Was ist Raum? Wie wird er begrenzt? Wie wird der Raum wahrgenommen und wie verändert werden?“ Beraterinnen fragen: „Wer gehört zum System? Wie wird es begrenzt? Was wird von wem auf welche Weise wahrgenommen? Wie muss der gegenwärtige Kontext beschaffen sein, damit ein Symptom aufrechterhalten werden kann? Wer möchte zu welchen Konditionen etwas ändern?“

Auf der Suche nach der dem Entwurf inhärenten Geschichte im Entwurfsprozess des Architekten  wird versucht, Prinzipien zu entwickeln und diese räumlich in unterschiedlichen Maßstäben umzusetzen. Diese Geschichte ist immer auch gesellschaftlich geprägt. Somit finden wir unsere Inspiration im Alltäglichen und in der Interpretation von Vorhandenem.

Der Beratungsprozess in der systemischen Herangehensweise ist jedes Mal erfrischend und neu. Auch wenn sich bestimmte Hypothesen und Linien wiederholen, ergibt sich bei jedem System ein neues Gesamtwerk, wie in der Architektur. Putz konstatiert: „Der Architekt ist kein Serientäter, kein Produkthersteller, jede Situation ist anders.“ In der Beratung ist es selbstverständlich, dass es ebenfalls nicht die eine Lösung gibt oder die eine Intervention, die jeden Menschen auf die gleiche Weise zur Bearbeitung seiner Themen verhilft. Jede Sitzung ist mit jedem Menschen anders. Was ein guter Entwurf/ eine gute Beratung ist, liegt vor allem an der Betrachtungsweise des Beurteilenden.

Eine konkrete Handlungsanweisung und Strategie zur Konzeptentwicklung für Bauwerke gibt es ähnlich wie das Kompetenzdreieck aus Wissen, Können und Haltung in der Beratung nur indirekt, nämlich insofern, als zunächst unterschiedlichste Ideen als Vorentwürfe skizziert werden. Hierbei ist die Skizze ähnlich einer Systemzeichnung besonders wichtig, da so Zusammenhänge deutlich werden. Es werden also Varietäten erzeugt mit dem Ziel, durch Auswahl zu einer guten Lösung zu kommen. Immer im engen Kontakt mit dem Gegenüber/dem Auftraggebenden. In beiden Disziplinen wird viel Wert auf die optimale Vorbereitung des Erstkontaktes gelegt. Das erste Gespräch und die Fokussierung auf die Wünsche und Prioritäten geben dem ganzen Prozess den Fokus. Bei einem Hausbau sind auch dort die Einflussmöglichkeiten zu Beginn am größten, später sind nur noch geringere Korrekturmöglichkeiten vorhanden.

Auch wenn Bauwerke; Skulpturen und Räume nach Niklas Luhmann in die Kategorie ‚Unbelebte Systeme‘ gehören und Menschen, Organisationen und Teams definitiv in die Kategorie ‚Lebenden Systeme‘, welche durch Prozesshaftigkeit und Dynamik gekennzeichnet sind, argumentiert Putz: „Das Leben ist ja nicht statisch. Wenn wir uns durch Gebäude, Räume usw. hindurchbewegen sind sie manchmal besser (Anmerkung der Verfasserin: angenehmer, genussvoller etc.), wenn sie fließende Überleitung zeigen und Grenzen verschwimmen.“ Eindrücklich sieht man dies in dem Entwurf „Bricks“, den GRAFT in der Hauptstr. 27 in Berlin umgesetzt hat. Hier findet der Versuch ein unbelebtes System Bewegung und Dynamik einzupflanzen, eine Form. Ein besonders ästhetisches Bauwerk, wie ich finde.

Putz: „Das Schönste ist doch, wenn sich jemand nach Jahren meldet und sagt: „Es ist immer noch schön bei mir!“ Dem kann ich als Beraterin nichts hinzufügen!

Ein Text von Jessica Fenzl

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