Systemisches Denken und ein Kleinkind ins Bett bringen

„Ein Kind ins Bett zu bringen geht doch flott.“ „Also ich habe meinem Kind am Anfang gleich zu verstehen gegeben, wie es läuft.“ „Wir haben unser Ritual. Meistens schlafe ich anschließend selber mit ein.“ „Ich komme oft an meine Grenzen, wenn die Einschlafbegleitung mal wieder die 2 Stunden-Marke knackt.“ „Wenn das Einschlafen am Abend nicht klappt, ist das ein Mutti-Problem“. „Ich liebe es, meine Tochter ins Bett zu bringen. Es ist die schönste Zeit für uns“.

Einschlafbegleitung kann sehr unterschiedlich sein. Wir schwimmen in einem Meer von Ansichten und Definitionen, was dieses Begleiten bedeutet. Einschlafbegleitung kann wunderschön sein und es kann drastisch gesagt die Hölle auf Erden sein.

Als Mutter einer bald dreijährigen Tochter habe ich bereits ein großes Spektrum von der besonderen Zeit am Abend erlebt. Blicke ich zurück, sehe ich ein Auf und Ab. Ich habe mich selbst besser kennengelernt und ich habe die Bedürfnisse meiner Tochter kennen gelernt. Manchmal knallen diese unterschiedlichen Bedürfnisse frontal aufeinander und dann wird es knackig. Die legitime Wut, die da bei mir entsteht, weil es nicht so klappen will, wie ich das möchte, verdeckt dann häufig meinen klaren Blick, mein Verständnis für die Signale meiner Tochter und für Lösungen in dieser Situation. Auch in der Beratung merke ich, dass ich dann wütend auf mein Gegenüber werde, wenn ich an meiner Vorstellung festhalte. Dass ich mir die Wut erlaube, das hat mich sehr viel Arbeit gekostet. Wut ist eines der Grundgefühle und bei uns in der Familie erlaubt, so wie in meinen Beratungen. Ich erlaube mir, kongruent meine Gefühle zu zeigen. Da darf auch Wut und Frust dabei sein. Wenn ich meinem Kind mitteile, warum diese Gefühle da sind und dass sie eigentlich „nur“ mit mir – mit meinen eigenen Bedürfnissen zu tun haben, finden wir einen Weg.

Das nächste Mal wenn du dich also mit pochender Pulsader und kostbarer Geduld beobachtest, kann dir ein Blick in folgende Perspektive helfen:

Frage dich achtsam: Was passiert denn eigentlich genau in dieser Zeit im Kinderzimmer am Bett?

Schau dir den Kontext an, in dem das ins Bett bringen stattfinden kann. Die Eltern sind müde, wollen gerne ihre Zeit am Abend für sich haben. Oder sie haben beschlossen, gleich mit ins Bett zu gehen. Manche wissen auch, dieser Akt dauert 20 Minuten und dann können Sie ihre Abendgestaltung fortsetzen.

Da gibt es Eltern, die müssen abends noch mal etwas arbeiten, wollen gerne ihre Projekte verfolgen oder sind so müde, dass sie sich um die Einschlafbegleitung reißen. Auch für Kinder kann der Kontext ganz unterschiedlich sein. Manche finden vielleicht nach dem Abendessen noch mal ins Spiel und wollen nicht aus der schönen Situation. Andere sind so müde, sie schaffen kaum das Abendbrot und für manche Kinder geht’s im Schlafzimmer noch mal so richtig rund mit etlichen Geschichten und Programm von Papa, Mama oder Bezugspersonen. Bonuszeit also. Naja und wenn der Zeitpunkt verpasst wird, dann kann es dauern, bis das überdrehte Kind wieder zur Ruhe findet.

Da prasseln so unterschiedliche Empfindungen und Bedürfnisse aufeinander. Jeder bringt seine eigene subjektive Vorstellung mit, wie der Abend endet. Und selbst bei hoher Routine kann es doch mal sein, dass das Kind eine ganz andere Idee davon hat, wie heute die Bettgehzeit stattfindet. Ein schönes Beispiel also, wie Konstruktivismus funktioniert. Ich mache mir die Welt, wie sie mir gefällt.

Ebenso hat das Rollenverständnis ein Gewicht. Wie sehe ich mich als Mutter/Vater? Kann ich mich bedürfnisorientiert bis 23 Uhr um mein Kind kümmern? Was passiert, wenn meine Kräfteressourcen aufgebraucht sind? Habe ich mir die Abendgestaltung so vorgestellt oder noch weitere Pläne und wenn es nur das Weiterlesen meines Lieblingsromans ist? Was habe ich selber für Vorstellungen davon, wie „Ein Kind ins Bett bringen“ funktioniert? Demnach kann auch gesellschaftlicher Druck seinen Weg ins Kinderbett finden.

Wie war das bei dir? Kannst du dich an dein eigenes „ins Bett gebracht werden“ erinnern? Hast du mal deine Eltern danach gefragt, wie es für sie war? All diese Fragen könnten auch Teil einer systemischen Beratung sein.

Unsere Reaktion steht mit der Reaktion unseres Kindes in Zusammenhang. Mit der Art von Kontext, aus welchem wir kommen, steht das Verhalten zirkulär in Verbindung. Trage ich Hektik in mir, nimmt dies mein Kind (unbewusst) wahr. Merkt es, dass das Gegenüber unruhiger oder wütend wird, weiß es das Verhalten vielleicht nicht einzuordnen und wird ebenfalls unruhig oder dreht noch mal richtig auf. Vielleicht ist es ja auch das Gespräch bei der Arbeit, welches den Eltern noch in den Knochen steckt, welches wir dann auf feinstofflicher Ebene mitbringen. Auch ein/e Chef/in oder ein Kunde kann unser Kind also ¢indirekt¢ wachhalten. Oder ist es doch der Konflikt der Eltern, der noch offen herumwabert, auf welchen das kindliche Verhalten deutlich zeigt? Demzufolge ist auch das Familiensystem und andere Systeme, welche ihre Berührungspunkte finden, an diesem sensiblen Prozess beteiligt.

Systemisch Beratende fragen üblicherweise: Was ist der Gewinn dieser ambivalenten Abendzeit? Wir erleben eine ganz intime besondere Zeit mit unserem Kind. Es ist die Zeit, in der wir unser Kind in die Nacht entlassen. Sie dürfen ruhen und ihre Akkus füllen. Es macht einen Unterschied, wie sie dann ihre Eltern erleben. Manchmal ist es ein Abend, da raufe ich mir anschließend die Haare. Manchmal ist es so schön, da wünsche ich mir ad hoc 5 weitere Kinder. Dazwischen gibt es weitere hunderte Nuancen.

Der Sprung auf die Meta-Ebene macht meinen Blick frei. Dafür brauche ich aber meinen Willen/Fokus und noch etwas Akkuladestand.

Wenn ich weiß, wie breit meine Verantwortung über mein Verhalten ist und wie sehr ich doch Einfluss auf mein Kind habe, so will ich mir im nächsten genervten Gedanken einmal mehr meinen Blick auf das systemische Denken richten.

Ein Kleinkind ins Bett bringen ist also eine recht komplexe Geschichte und der Gedanke, dass es jeden Abend anders sein darf, der hilft mir. So wie das ganze Leben sich ständig verändern darf. Ein Hoch auf lebende Systeme, die laut Luhmann von Dynamik und Prozesshaftigkeit geprägt sind.

Gute Nacht!

Ein Text von Marie Kelle-Gieseke

Leave a Reply