Systemsiche Beratung und orientalischer Tanz

„Stell dir vor in der Mitte deines Körpers gäbe es eine Stange, die nicht aus dem Gleichgewicht zu bringen ist. Sie ist deine mentale Mitte. Du tanzt um sie herum, dein Bauch tanzt im Kreis um sie herum, dein Becken malt liegende Achten oder Wellen, deine Schultern und Arme, dein Rücken und die Beine – alle tanzen im Rhythmus. Die Stange bleibt immer fest, gibt dir Halt, vom Kopf bis zum Fuß.“

Das waren die Worte meiner Tanzlehrerin in einer meiner ersten Tanzstunden vor etwa 16 Jahren. Unter orientalischem Tanz, auch Bauchtanz genannt, versteht man den sogenannten „Tanz des Ostens“. Ein orientalischer Folkloretanz, der sowohl arabische als auch ägyptische Einflüsse in sich trägt und ursprünglich den ägyptischen Solotanz, meist und hauptsächlich einer Frau, meint. Heutzutage wird er ebenfalls mit Tanzstilen anderer teils westlicher Kulturen gemischt (z.B. dem „irischen“ Tanzstil, „American Tribal Style“ oder „Modern Dance“).

Die vielen Einflüsse moderner Musik ermöglichen dem Bauchtanz eine hohe Vielfalt an individuellem Ausdruck. Kein Tanz ist wie der andere, keine Tänzerin gleicht der anderen und keine Interpretation ist mit der nächsten gleichzusetzen. Ähnlich einer Beratungssituation, der mit jedem Mal Personen mit individuellen Kontexten, wechselnden Beziehungen, variierenden Stimmungen oder sich verändernden Lebenssituationen, beiwohnen. Jeder Tanz gleicht einer einzelnen Beratungssession, dessen ein Zauber des Moments innewohnt, der immer nur im jeweiligen Kontext betrachtet werden kann und seine ganz eigene Wirkung entfaltet. Begegnen wir diesem Zauber mit einer guten Portion Leidenschaft und Offenheit für das, was sich innerhalb der kommenden Minuten entwickelt, offenbart sich uns mit jedem Tanz eine bunte Vielfalt systemisch-zusammenhängender Eindrücke, welche wir mit dem Bilden neuer Hypothesen zu einem Bild reifen lassen können.

Ein Tanz beginnt und endet, so wie jedes Musikstück mit Stille. Es gibt einen Anfang, einen Einstieg, einen Hauptteil und einen Abschluss, sowie einen Ausklang. Ganz ähnlich der Beratungsprozess, der mit Vorkenntnissen z.B. durch die Kontaktaufnahme beginnt und mit einer Entwicklung und Verarbeitung nach dem/den Gespräch/Gesprächen endet.

Vor dem eigentlichen Tanz braucht es zur Vorbereitung einen passenden Raum (z.B. Gymnastik- oder Trainingsraum, Bühne), passende Kleidung (es gibt z.B. typische Bauchtanzkleidung wie ein verzierter BH, ein Rock mit besticktem Hüftgürtel) und  Musik. Ein Tanz ohne Aufwärmen lässt uns schnell Krämpfe oder Zerrungen davontragen. Mit sich wiederholenden Aufwärmübungen, lässt sich der Tanz wie auch die Beratung auf die kommende Session einstimmen: zunächst dient Smalltalk, um das sogenannte „Eis zu brechen“, um anschließend den Auftrag zu klären. Denn ohne Auftrag keine Beratung!

Die Bewegungen, der tänzerische Ausdruck und die Verknüpfungen von Tanzstilen oder involvierter Materialien kann passend sein. Wichtig ist, dass uns die erscheinenden Darbietungen mitreißen, begeistern, Spaß bereiten, oder weniger amüsieren bzw. gar irritieren. Ganz ähnlich verhält es sich im Beratungskontext, dessen Interventionen passend oder unpassend sein können, immer aber eine Wirkung in sich tragen, bestenfalls einen Unterschied machen, die einen Unterschied machen. Gregory Bateson meint damit, die Eröffnung eines bisher undurchdachten Horizonts. Nichts lässt auf den nächsten Tanz schließen und Ziel sollte nie die Perfektion in der Darbietung eines einzigen Tanzes sein, sondern das mit Körper, Herz und Seele verbundene Gefühl, die eigene Mitte im Fluss der Bewegung zu finden und zum eigenen Ausdruck zu bringen. Die einzelnen Körperteile bilden dabei ein System, in dem jedes Teil das System beeinflusst. Die „Stange“ gleicht der inneren Balance, wie z.B. in einer Beziehung der Menschen zueinander. Um sie herum finden Konflikte oder gemeinsame Momente statt. Dabei ist es egal, welche Art der Beziehung gemeint ist, ob es berufliche, private, freundschaftliche oder verwandtschaftliche Beziehungen sind, ob es um zwischenmenschliche Beziehungen geht oder um die Beziehung zu mir selbst oder einem Thema, welches mir von Bedeutung ist. Welchen Tanz wir im Leben um diese innere „Stange“ tanzen, hat Einfluss auf die Balance der Beziehung und umgekehrt.

In der systemischen Beratung und beim Tanzen ist der Perspektivwechsel von zentraler Bedeutung. Der orientalische Tanz als Solotanz lässt Raum für Variationen und Positionswechsel, indem auf der Bühne oder zwischen dem Publikum getanzt wird, ein großes Schwingtuch oder gar ägyptische Flügel, sogenannte „Isis Wings“ durch den Raum schweben. Auch die systemische Beratungssituation setzt sich zum Ziel neue Sichtweisen durch offene Fragen zu ermöglichen, Unterschiede zu machen, neue Blickwinkel zu ermöglichen oder festgefahrene Bewertungen zu lockern. Ob wir dabei als Zuschauer/in oder Tänzer/in involviert sind, scheint fast nebensächlich, wenn es der Moment schafft durch passende Bewegungen zu begeistern.

Was braucht es überhaupt um „passende Bewegungen“ zu finden?

Passend werden die Bewegungen erst durch eine ordentliche Portion Leidenschaft, das „Sich-Einlassen“, die Stimmung und das „hier und jetzt“. Der Wahl der Bewegung liegt neben situativen Aspekten wie Kontext und Stimmung im Tanze immer der Musik zu Grunde. Tanzen ist das Annehmen des Rhythmus und einem Repertoire an Bewegungsoptionen. Durchaus kann eine vorgefertigte Choreografie beeindruckend wirken und der Tänzerin Sicherheit geben, passende Bewegungen zu finden. Doch seien wir mal ehrlich. Eine Solotänzerin, die sich so sicher in Musik und Tanz bewegt, dass sie aus der Situation heraus improvisiert, angepasste Abfolgen zaubert (selbst dann, wenn sie nur spontan ihrem Shirt einen Knoten bindet, um es in Form zu bringen), fasziniert und berührt ganz anders durch ihre spontane Art auf die Situation und den Kontext einzugehen. Ähnlich liegt die Kunst der Beratung weniger im passend eingerichteten Raum als vielmehr in einer der Situation angepassten Sitz- oder Stehhaltung, einer offenen Grundhaltung (Neutralität) und vor allem im Repertoire an Fragen und Hypothesen. Die innere „Stange“ kommt gerade beim Aspekt der Neutralität zum Tragen. Eine innere Mitte ist Voraussetzung, um sich nicht in Bewertungen zu verlieren. Ebenso ist es wichtig anzuerkennen, dass jede/r seine/ihre eigene Mitte, sprich seine/ihre eigene Balance halten möchte (Konstruktivismus).

Im Großen und Ganzen lässt sich sagen, dass die entscheidendsten Geheimzutaten eines orientalischen Tanzes in der Leidenschaft für die Bewegungen und einer großen Portion  Neugier für  Kulturen und Tanzstile liegen, sowie die Beratung eine Leidenschaft fürs Fragen und eine gesunde Neugier und Offenheit für die Unterschiedlichkeit eines Menschen und seiner Situation benötigt.

Ein Text von Heidi Bohle

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