Systemisches Denken und Fotografie

“If the only tool you have is a hammer, you tend to treat everything as if it were a nail.” <Abraham Maslow, The Psychology of Science, “Law of the instrument”, 1966>

Mein persönlicher Weg in der Fotografie begann mit Landschaftsaufnahmen in Argentinien. Über Städtetrips in Europa bin ich auf die Architekturfotografie gestoßen, um schließlich in den letzten Jahren zur Portrait- und Sportfotografie als Schwerpunkt meiner Tätigkeit zu gelangen. Jedes dieser Sujets stellt sehr unterschiedliche Anforderungen an den Fotografen sowie das erforderliche und zu beherrschende Equipment. Bei der Natur- und Landschaftsfotografie arbeitet man mit natürlichem Licht und verwendet in der Regel Normal- und Telebrennweiten. In der Architekturfotografie sind aufgrund der Enge in innerstädtischen Räumen Ultraweitwinkel unerlässlich. In der Portraitfotografie arbeitet man vorwiegend mit Normal- und Festbrennweiten, es ist erforderlich, komplexe Lichtsetups mit mehreren Lichtformern zu beherrschen, um ein Model professionell in Szene zu setzen.

Für die systemische Beratung gilt ebenfalls, dass jede Beratungssituation anders ist und die Methode an die Verhältnisse angepasst werden muss. Systemische Beratung orientiert sich am Anliegen und an den Wünschen des Klienten. Ein Vorgehen nach ‚Schema F‘ hingegen würde den unterschiedlichen Anforderungen von Menschen und der Vielfältigkeit ihrer Lebenssituationen nicht gerecht werden.

In der Fotografie und in der Beratung gilt, dass es eines prall gefüllten Instrumentenkoffers bedarf, um adaptiv auf unterschiedliche Situationen eingehen zu können. Denn wer im allegorischen Sinne nur einen Hammer besitzt, behandelt jedes Problem als wäre es ein Nagel.

The job of a portrait photographer is to humanize people and to get to know people so that they can be presented in an accurate way.“ <Joey Lawrence>

Menschen sind sehr viel mehr als das Etikett, dass man ihnen aufgrund ihrer Profession, ihrer sozialen Stellung oder ihrer Vergangenheit zuweisen könnte. In der Portraitfotografie gilt es, den charakterlichen Kern einer Person freizulegen, zumindest aber gewisse Eigenschaften aufzuzeigen, die diese Person authentisch verkörpert. Die Ausgestaltung der Interaktion und Beziehung zu anderen Menschen stellt dabei eine maßgebliche Erfolgsvoraussetzung dar. Nur wenn es dem Fotografen gelingt, das Vertrauen und die Zugewandtheit der zu fotografierenden Person zu erzielen, können ausdrucksstarke Portraits erstellt werden. Es bedarf des Vertrauens darauf, dass man es vermag die Person authentisch darzustellen und diese nicht unvorteilhaft abbildet. Und ferner des Vertrauens darin, dass mit den Bildern verantwortungsvoll umgegangen wird und etwaige Veröffentlichungen abgestimmt werden.

Zugewandtheit bedarf es, damit sich eine Person dem Fotografen gegenüber insoweit öffnet, dass Masken abgelegt und tatsächliche Charaktereigenschaften durch Mimik und Körperhaltung offengelegt werden oder sogar echte Gefühle zum Ausdruck gebracht werden.

Ebenso gilt es in der systemischen Beratung dem Klienten unvoreingenommen und vorurteilsfrei zu begegnen. Systemisch denkende Berater sind in ihrer Haltung geprägt von Akzeptanz und Einfühlungsvermögen. Wertschätzung und Respekt bilden die Grundlage für wertvolle Gespräche in denen zwei oder mehrere Personen sich auf Augenhöhe begegnen. Gleichermaßen stellt das Vertrauen und die Offenheit des Klienten eine Erfolgsvoraussetzung für eine gelingende systemische Beratung dar. Sie ermöglichen die Bereitschaft des Klienten über Belastendes und Persönliches zu sprechen und für Empfehlungen und angebotene Lösungen zugänglich zu sein.

Ist dein Pferd tot, steig ab! Indianische Weisheit

Aus dem Griechischen übersetzt bedeutet Fotografie „mit Licht malen“. In der Realität werden nur sehr wenige Fotografien diesem hohen künstlerischen Anspruch gerecht. In aller Bescheidenheit gilt es sich als Fotograf bewusst zu machen, dass man letztlich nur einen kleinen Ausschnitt der Realität als Momentaufnahme festhält. Um die Fotografie zur Kunstform zu erheben bedarf es oftmals des Unorthodoxen, der Kreativität aber eben auch eines tiefgehenden Verständnisses der Wirkung von Bildkomposition und Lichtführung um Motive neu zu erschließen und mit den Bildern eindrucksvolle Momentaufnahmen visueller Ästhetik zu erschaffen.

Insbesondere bei der Architekturfotografie sieht man sich der Herausforderung gegenüber, dass bekannte Bauwerke in der Regel „zu Tode fotografiert“ wurden. Eben die Bilder, die sich im Gift Shop als Postkartenmotiv vorfinden lassen. Hier gilt es neue und ungewöhnliche Perspektiven einzunehmen um das Objekt neu zu erschließen und mit Spannung aufzuladen. Es ist das Unorthodoxe, das es vermag ein Objekt anders zu framen oder darzustellen.

Auch in der systemischen Beratung vermögen es Gespräche im Allgemeinen nur Schlaglichter auf die Lebenswirklichkeit eines Menschen zu werfen. Sie vermitteln allenfalls einen kleinen Einblick und vermögen es oft nur wesentliche Aspekte eines Themas zu skizzieren. Denn das Leben ist vielschichtig und komplex. Mit Fokus auf das Wesentliche können jedoch die Aspekte herausgearbeitet werden, die im Brennpunkt aktueller Herausforderungen stehen. Und hierfür können adäquate Lösungen erarbeitet werden. Auch hier bedarf es oftmals der Kreativität und des Verlassens althergebrachter Standpunkte, wenn orthodoxe Ansätze und Betrachtungsweisen nicht zum gewünschten Ergebnis führen.

Wenngleich sich noch eine Vielzahl weiterer Parallelen aufzeigen ließen, so mag dieser kurze Überblick vielleicht schon ein wenig dazu beitragen sich beide Themen, die Fotografie und die systemische Beratung, auf neue Weise zu erschließen.

Ein Text von Oliver Westphal. Der Bremer Diplom-Kaufmann ist im Bereich Business Development in Berlin tätig. In seiner Freizeit ist er als Digital Artist mit Schwerpunkt Fine Art Fotografie aktiv und unterstützt mit seinen Arbeiten ein Sozialprojekt. Wenn er gerade mal nicht arbeitet besucht er gerne Kunstausstellungen oder macht Outdoor Sport, wie Mountainbiking oder Skilanglauf.

 www.oliver-westphal-photography.de

Leave a Reply