Systemisches Denken und Radfahren

Jedes Jahr im Juni begeben sich einige wenige  Menschen auf den Weg von Amerikas West- zur Ostküste. Mit dem Fahrrad wohlgemerkt.

Das Race Across America (RAAM) gilt als eines der härtesten Mehrtagesrennen für Rennradfahrer*innen. Das Ziel findet sich nach 4.800 Kilometer und 52.000 Höhenkilometer auf der anderen Seite des Kontinents wieder und wird nach zwölf Tagen abgebaut, welches nur ca. die Hälfte der Teilnehmer*innen erreicht. Der Veranstalter stellt lediglich Start- und Zielbanner, 54 Zwischenstationen zur Zeitmessung und seine Expertise zur Verfügung – der Rest obliegt dem Fahrer / der Fahrerin[1].

Wenn Sie meinen Bericht lesen, denken Sie doch bitte an Ihre berufliche Praxis. Ich wette, Sie werden eine Parallele nach der anderen ziehen können.

Die Technik

Auch Radfahren will geübt sein. Neben einem geeigneten Rad bedarf es den Fahrtechniken. Das hört sich banal an, aber wer in einer emotionalen und körperlichen Stresssituation mit 80km/h in der Nacht sich in eine Serpentine legt, sollte das schon ein paar hundertmal zuvor in besserem Zustand gemacht haben. Dazu gehören auch Schlaftechniken, weil es dazu gehört, wenig zu schlafen – vielleicht nur ein zwei Stunden am Tag. Auch wird man üben müssen, 24 Liter und 20.000 Kilokalorien binnen 24 Stunden auf dem Rad einzunehmen. Oder 24 Stunden einfach mal Rad zu fahren. Es bedarf besonderer Kommunikations- und Wahrnehmungstechniken, zum Beispiel und insbesondere die Wahrnehmung von sich selbst. Es wird Höhen und Tiefen geben – und es gilt, eine passende Antwort zu finden! Dafür sind vor allem zwei Dinge essentiell: Training, Training und Training. Erfahrung, Erfahrung und Erfahrung. Zu aller erst aber bedarf es des Willens. Wer nicht freiwillig dazu bereit ist, kann zu Hause bleiben. Nein, der sollte zu Hause bleiben.

Das Qualifying

Es beginnt mit einer guten Vorbereitung. Nur wer jahrelang seinen Körper & Geist geformt hat, kann sich in einer Auswahl von Radtouren bewähren, deren Bestehen zu Weiterbildungen und Prüfungen führen kann. Neben einer ausführlichen Anamnese, ärztlichen Untersuchungen, Informationen zur Theorie, Anfertigung von Checklisten und vieles mehr werden ebenso die Regeln festgelegt.

Daraus folgt auch, das für jede*n Radfahren und insbesondere das RAAM anders ist. Jede*r hat ein unterschiedliches Verständnis, eine andere Einstellung. Und alle haben recht!

Nicht zuletzt bedarf es Geld, um teilnehmen zu können.

Die Hürden sind relativ hoch – weil man sich darauf einlassen muss. Das RAAM ist nichts, was man mal eben so en passant erledigen kann. Und wer völlig loslassen kann, hat gute Voraussetzungen.

Die Haltung I

Es nehmen nur Menschen mit einer gewissen Haltung teil. Zuallererst ist da der Respekt den anderen Fahrer*innen gegenüber. Keine*r fährt gegen jemanden sondern in erster Linie für sich. Keine*r wird betrügen, indem er sich mit dem Auto oder Zug transportieren lässt.

Die Radfahrer*innen sind Expert*innen seiner/ihrer selbst. Kein*e andere*r wird ihn/sie zur Aufgabe oder Weiterfahrt überreden. Er/Sie trifft die Entscheidungen! Er/Sie bestimmt das Thema und das Tempo! Es muss ihm/ihr passen!

Der Auftakt

Die Nervosität steigt. Wie wird es sein? Was wird unterwegs passieren? Welchen meiner Anteile werde ich begegnen?

Dabei spielt es kaum eine Rolle, wie oft man schon am Start war. Alles ist möglich. So – oder auch ganz anders. Auch wird es nie dasselbe sein, sondern immer einzigartig. Aber man weiß: es muss immer erst schlimmer werden, bevor es besser wird.

Die Fahrt

Der Weg ist lang und will eingeteilt werden. Sprints nützen gar nichts. Wechselnde Tempi, Fahrtechniken, Gedankenexperimente, reden, singen, … Alles ist willkommen. Je nach Situation wird das Passende herausgegriffen.

Es bedarf einer Menge Entscheidungen. Hier können Fehler gemacht werden. Ob man durch falsche Navigation in eine Sackgasse gerät, oder die Leistungskurve nach unten fällt, weil „der eine Berg noch“ eben der eine zu viel vor der Pause war, oder weil man sich mit Nebenkriegsschauplätzen verrannt hat, und und und.

Irgendwann macht es klick. Dann fährt es einen. Nachts um drei irgendwo in Texas fährt es einen automatisch, weil es eine verinnerlichte Technik ist, die schwer zu verlernen ist. Körper und Geist wissen, was zu tun ist.

 

Die Fahrt verläuft in Wellen. 3000m hohe Pässe. 18% Steigung. Gegenwind. 40° im Death Valley und -20°C in den Rocky Mountains. Gewitter in den Appalachen. Es geht nicht nur topografisch und klimatisch bergauf und bergab. Dem Kopf geht es genauso. Zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt, zwischen Kleinkind und Superheld ist alles dabei.

Es ist nahezu ständig Arbeit, um vorwärts zu gelangen. Widerstände ragen empor. Der Asphalt ist doof! Immer Gegenwind! Es geht nie bergab! Man will aufhören, ins Bett, ins Hotel, in den Flieger. Einfach nur weg! Das ist es doch nicht wert! Wen interessiert denn mein Ziel?

Und dann ist man wieder im Rausch. Es fährt sich bestens. Eine Freude jagt die nächste. Der Kopf ist klar. Eine Erkenntnis folgt der nächsten. Und dann ist da wieder Nebel, Dunkel und Grau.

Methodenwechsel

Geht es nicht voran, so sollte etwas geändert werden. Das kann ganz banal der Wechsel der Übersetzung sein. Oder spätestens wenn Schmetterlinge durch das Vorderrad flattern können ohne gehäckselt zu werden, sollte man eine Pause in Erwägung ziehen. Alle 15 Minuten sollte zur Durchblutung für mindestens 15 Sekunden im Stehen gefahren werden. Wer sich gerade in den unendlichen Weiten des mittleren Westens – 1600km geradeaus – aufhält, kann nebenbei eine Ablenkung durch ein Hörbuch oder Quizfragen erhalten. Der Methodenkoffer sollte immer gut gefüllt sein und möglichst wenig wiegen…

Kybernetik

Körper und Kopf werden klagen, weinen und schreien. Alles will aufhören. Und doch gilt es weiterzumachen. Damit das funktioniert, gilt es, gute Entscheidungen zu treffen. Dafür sollte man sich gut kennen, in sich hineinhören, seine Potentiale einschätzen, sich und seinen Kontext möglichst ganzheitlich beobachten. Wie fit bin ich noch? Wie ist die Strecke vor mir? Wie ist das Wetter? Bin ich wach genug für die Fahrt durch die Stadt? Was kann ich tun, damit es mir gut geht?

 

Konstruktivismus

Es ist eine Reise, die vor allem im Kopf stattfindet – oder wie Boris Becker in einem lichten Moment sagte: „It’s all in your head.“ Nehme ich die Situation als schön wahr, so ist es auch der Zustand des Kopfes da „auf Dauer die Seele die Farbe deiner Gedanken“ annimmt (Marc Aurel). Und sich dies in der Regel auf den Körper überträgt.

 

Wer in Problemen denkt, führt diese herbei. Wer denkt, dass gleich der Reifen platzt, kann die Minuten bis dahin zählen. Wer denkt, bis zum Ozean ist es noch weit, für den ist es auch weit. Wer in kleinen Schritten und Lösungen denkt, hat bessere Chancen. Und wer es nimmt, wie es kommt und aus der Zitrone, die das Leben beschert, Limonade machen kann, hat Kraft für die eigentliche Aufgabe.

 

Die Systeme

Es gibt viele. Die zwei wichtigsten seien hier kurz genannt. Das eine ist das Rad und sein Fahrer. Der Fahrer geht eine Symbiose mit dem Rad ein. Der eine kann nicht ohne den anderen. Verändert sich der Luftdruck im Reifen, spürt das der Fahrer. Verstellt sich der Sattel um einen halben Millimeter, kann dies das Aus bedeuten.

 

Das System ist unglaublich komplex, nichtlinear und nicht vorhersehbar. Es unterliegt Veränderungen. Mal ist es nur der Fahrer und sein Rad. Dann bedarf es beispielsweise seiner Familie zur Motivation, oder der Landschaft oder oder oder. Wie der Bedarf gerade ist.

 

Es ist ein lebendes System – dynamisch durch die Fortbewegung und vor allem durch die Veränderung im Kopf. Die Situation ist so außergewöhnlich, dass der Kopf völlig anders funktioniert, dass ganz andere Gedanken möglich sind.

 

Die Systeme sind ständig in Bewegung und im Ungleichgewicht. Nur so kann es voran gehen. Es soll dabei eine Grenze von Stabilität und Kontrolle nicht unterschreiten.

Beziehung und Kommunikation

Sie sind das A und O. Stimmt es hier nicht, ist spätestens am dritten Tag die Fahrt zu Ende. Zum einen ist der Zustand des Rades Indikator für die Ambition des/der Fahrer*s/Fahrer*in und für ihren Beziehungsstand. Es ist geprägt von Vertrauen. Kein*e Fahrer*in wird sein/ihr Rad achtlos gegen eine Laterne lehnen oder durch ein Schlagloch fahren. Er/Sie wird es pflegen bevor er/sie sich selbst pflegt.

 

Zum anderen geht es um das Team. Das Arbeiten in außergewöhnlichen Situationen sollte erfolgreich erprobt sein. Man sollte sich nahezu blind verstehen, aber auch anschreien und verzeihen können. Es sollte sich dabei um keine persönliche, sondern um eine professionelle Zusammenstellung handeln, das wie ein Kokon um den/die Fahrer*in herum und zuarbeitet und diesen von äußeren Einflüssen schützt. Das Team sollte sich hinter den Bedürfnissen des Fahrers zurücknehmen. Andersherum muss der Fahrer seinem Team vertrauen. Wer sich nach einem power nap wecken lässt, und nicht weiß wo er ist, was er tut und welches Jahrzehnt überhaupt ist, der ist auf sein Team angewiesen, das schleunigst für Orientierung, Motivation und auch mal für eine Entscheidung zwischen Zielerreichung und Gesundheit sorgen muss.

Gegen Ende

Spätestens 300km vor dem Ziel beschäftigt man sich mit dem Abschied. Man hat darauf hingearbeitet, es zu erreichen. Ist es dann aber in Reichweite, will man nicht aufhören. Man hat sich nicht nur daran gewöhnt, sondern es auch liebgewonnen. Wollen wir nicht noch einen Abstecher nach Süden machen?

Danach

Danach ist man erst einmal leer. Man weiß nicht, was man tun soll. Zurück im normalen Leben fällt alles schwer, weil man den Schlafrhythmus nicht sofort wechseln kann. Aber wenn Kopf und Körper etwas zur Ruhe kommen, dann fühlt man sich unglaublich frei, vitalisiert, glücklich, euphorisch, einer kompletten Katharsis unterzogen. Und es hallt nach. Nicht nur ein paar Wochen oder Monate, sondern ein ganzes Leben.

Die Haltung II

Die Teilnahme, der Weg ist entscheidend. Nicht die Zielerreichung, sondern das, was auf der Reise passiert ist. Und zu der Reise gehören all die Jahre davor und auch die danach. Jede Minute ist einzigartig. Jede Sekunde hat ihren Sinn.

 

Und tatsächlich ist nicht die Weite entscheidend, sondern die Tiefe. Die Erinnerungen nimmt einem niemand.

Das Radfahren ist keine Entwicklungsstation wie Krabbeln – Laufen – Bobby Car – Moped – Auto – Rollator – Rollstuhl. Sondern es ist der Gipfel der Entwicklung. Es ist eine Geistes- und Lebenshaltung. Getreu dem Motto: Die Welt ist ein Radweg!

Zusammenfassung von Mark Twain:

„Schaff dir ein Fahrrad an. Wenn du es überlebst, wirst du es nicht bereuen!“

 

 

Ein Text von Henning Wetzky und Jessica Fenzl

 


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