Systemische Beratung und der Besuch im Baumarkt

Die Sache ist die:

Ich gehe phasenweise oft und mittlerweile auch sehr gerne in den Baumarkt. Diese große Halle mit ihren vielen Gängen, meterhohen Regalen und unzähligen Möglichkeiten, die sich mit dem Betreten ergeben – genau das was mich früher überfordert und abgeschreckt hat, mag ich jetzt so. Durch die Gänge streifen, hier und dort etwas sehen, entdecken, anfassen, überlegen was ich damit tun könnte, wofür ich es vielleicht gebrauchen könnte und meist doch wieder zurücklegen.

Wenn ich etwas kaufe, probiere ich es zu Hause (meist sofort) aus, manchmal verzweifele ich daran, manchmal brauche ich noch mehr Hilfe, manchmal geht es schnell, manchmal dauert es ewig und das Werkzeug und Einzelteile liegen herum bis ich weiterarbeite. Manche Projekte werden nie fertig, werden nie angefangen oder werden einfach nicht so, wie ich mir das vorher vorgestellt habe. Doch oft kommt am Ende dann etwas Tolles dabei heraus, an dem ich lange Freude habe und stolz anderen präsentiere.

„Richten Sie sich Ihr Zuhause so ein, wie Sie sich das schon immer gewünscht haben.“ (Obi)

Ich glaube, eine Beratung fühlt sich auf beiden Seiten auch ein bisschen so an. Sowohl die zu beratende als auch die beratende Person muss sich erst einmal einen Überblick verschaffen, das Gegenüber und die Situation erspüren und sich annähern. In manchen Baumärkten steht mittlerweile nach der ‚Eingangsschranke‘ ein Mitarbeiter oder eine Mitarbeiterin bereit, der/die die Kunden und Kundinnen begrüßt, fragt ob und wie er helfen kann bzw. was denn gesucht wird. Dies ähnelt dem Begrüßen, dem kleinen Smalltalk am Anfang einer Beratung. Auch wird man später von einem fachspezifischen Mitarbeitenden meist gefragt, was genau man denn machen möchte, der Auftrag wird abgeklärt und es wird nach dem Ziel  gefragt: „Wie soll das Ergebnis werden? Was möchtest du erreichen? Wie soll deine Wand oder dein Boden, deine Küche, dein Bad oder dein Garten aussehen?“. Er oder sie erkundigt sich auch nach den Ressourcen und der vorherrschenden Situation: „Was hast du bereits an Werkzeug oder Material, wie ist die Beschaffenheit der Wände oder des Bodens usw. usf.“ – Ws werden nicht nur innere Bilder von der Vorstellung des fertigen Projekts gezeichnet, nein, es werden auch manchmal Skizzen erstellt um Vorhandenes und Mögliches zu verdeutlichen – vergleichbar mit Genogrammen, Soziogrammen oder auch künstlerischen Werken die in einer Beratung entstehen können. Die BeraterInnen im Baumarkt sind ähnlich neugierig und lösungsorientiert wie systemische BeraterInnen. Klar, manchmal dauert es bis man einen passenden Berater oder eine passende Beraterin findet, es fühlt sich an als ob sie sich verstecken, doch mit etwas Geduld findet sich jemand Passendes, dafür muss man meist selbst aktiv werden, nachfragen und auf die Suche gehen – sowohl im Baumarkt als auch im Kontext der systemischen Beratung. Im Gespräch mit dem Mitarbeiter im Baumarkt bin ich als Kunde Experte für das was ich möchte, für alles was ich mitbringe und was mir schon zur Verfügung steht. Der oder die MitarbeiterIn ist fachlicher Experte, er oder sie wird mir verschiedene Möglichkeiten und Methoden aufzeigen oder anbieten aus denen ich auswählen, die ich aber theoretisch und praktisch auch alle ablehnen kann. Bei der Suche nach möglichen Lösungen, nach ersten Schritten und Ansätzen wie ich mit meinem Projekt weitermachen oder beginnen kann, zählt vor allem meine Meinung, meine Vorlieben und mein Können. Der oder die MitarbeiterIn im Baumarkt kann meine Wunschvorstellung von meiner Küche oder meiner Wandfarbe unschön finden oder es auch total super finden, letztendlich kommt es darauf an, was ich möchte und der oder die MitarbeiterIn kann und soll mich ’nur‘ fachlich unterstützen, mir geeignetes Werkzeug und Material an die Hand geben – Neutralität ist hier das Stichwort, wie auch in der systemischen Beratung.

 

Abschließend bleibt für mich festzustellen: Baumärkte und systemische Beratung kann man mögen, man kann sich dort oder mit ihrer Hilfe ausprobieren, sie können dazu befähigen oder das in dir aktivieren,hervorholen, was dich zum Erfolg bringt, wohlmöglich kann man darin total aufgehen – es gibt aber auch Menschen zu denen es auf Dauer nicht passt, die es vielleicht nicht mögen systemisch beraten zu werden.

 „Da ist ganz sicher auch etwas Kreatives für Sie und Ihre Familie dabei!“ (Obi)

Ich kann sagen, so wie ich den Baumarkt lieben gelernt habe, verliebe ich mich auch in systemische Beratung und den systemischen Ansatz, die Theorie und vor allem die Haltung die dahinter steht, welche mir sehr nahesteht, die ich vom Gefühl schon in mir trage und die ich in der systemischen Arbeit wohl gut ausleben kann/könnte/ werde.

„Es gibt immer was zu tun.“ (Hornbach)

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